Schwangerschaft - Auslöser für Gestationsdiabetes
 
         Schwangerschaft - Auslöser für Gestationsdiabetes      
Die Gesundheitsreform bringt einschneidende Veränderungen für die Versicherten der gesetzlichen Krankenkassen. Die zusätzliche jährliche Belastung schätzen Gesundheitsexperten auf 400 bis 600 Euro. Damit wird eigenverantwortlicher Gesundheitsschutz der Versicherten immer wichtiger. Wer Krankheiten vermeidet, bleibt länger gesund und spart Geld. Besonders Hausärzte können hier unterstützen. Der Gesundheits-Check 35 erkennt frühzeitig mögliche Risiken, Impfungen schützen vor Infektionskrankheiten. Wichtig für den Arzt: Impfungen werden außerhalb der Budgets oder anderer honorarbegrenzender Maßnahmen bezahlt. Wichtig für den Patienten: Keine Zuzahlungen und bei Impfungen als einziger Leistung im Quartal auch keine Praxiseintrittsgebühr.
   
 


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20.11.2006 - Pressedienst - Berufsverband der Frauenärzte e.V.

Schwangerschaft - Auslöser für Gestationsdiabetes

Vor 20 Jahren wogen reife Neugeborene durchschnittlich 3500 Gramm und waren 50 Zentimeter groß. Heute ist ein Geburtsgewicht von 4000 Gramm bei 52 Zentimetern durchaus keine Seltenheit. Experten bezeichnen neben später Mutterschaft Stoffwechselstörungen, Übergewicht und falsche Ernährung als Ursachen, deren Folgen sich auf das Baby übertragen. Übergewicht steigert das Risiko, einen Schwangerschafts-Diabetes zu entwickeln. Das Ungeborene nimmt vermehrt Glukose auf und reagiert mit Insulin-Schüben. Da Insulin nicht nur blutzuckersenkend wirkt, sondern auch der wichtigste Wachstumsfakttor ist, wird das Baby größer und schwerer.

Was ist Gestationsdiabetes?

Ein schwangerschaftsbedingter Gestationsdiabetes tut nicht weh. Er beruht auf der Entgleisung des Kohlenhydratstoffwechsels, der erstmalig während der Schwangerschaft auftritt bzw. erkannt wird. Fünf bis zehn Prozent der Schwangeren sind von dieser speziellen Form des Diabetes mellitus betroffen. Die Stoffwechselstörung wird einerseits durch Fehl- und Überernährung, andererseits durch Schwangerschaftshormone begünstigt (z.B. Östrogen, humanes Plazentalaktogen). Die Insulinausschüttung ist zu Beginn der Schwangerschaft eher vermindert, steigt dann aber erheblich an. Wie beim Typ-2-Diabetes sind die Basalzellen der Bauchspeicheldrüse verändert, so dass die Insulinproduktion häufig nicht ausreicht. Die Folgen sind erhöhte Blutzuckerwerte vor und nach dem Essen. Die Schwangerschaftshormone sind nicht beeinflussbar, wohl aber die Ernährung. In 85% aller Fälle genügt zur Therapie die Umstellung auf eine vollwertige, bedarfsgerechte Ernährung, bei 15% der diabeteskranken Schwangeren muss Insulin gespritzt werden, um die Stoffwechselstörung auszugleichen. Gestationsdiabetes ist bei rechtzeitiger Diagnose behandelbar, und die Risiken für Mutter und Kind lassen sich fast wie bei einer gesunden Schwangeren mindern.

Folgen für Mutter und Kind

Der Diabetes-Typ-1 und -Typ-2 führt nach mehreren Jahren zu Schädigungen der Augen, Blutgefäße, Nieren und Nerven. Die Auswirkungen des zeitlich begrenzten Gestationsdiabetes betreffen das Kind und die Geburt. Da alle Nährstoffe, auch die Kohlenhydrate, über den Mutterkuchen und die Nabelschnur zum Ungeborenen gelangen, reagiert es auf überhöhte Blutzuckerwerte mit einer Aktivierung der Insulinprouktion und baut den Zucker als Fett in den kleinen Körper ein. Hierdurch kommt es zu einer fötalen Makrosomie, das bedeutet Gewichtssteigerung. Das Kind produziert mehr Urin, die Fruchtwassermenge nimmt zu und dies gilt als Risiko für eine Frühgeburt. Außerdem ist die Durchblutung des Mutterkuchens gestört. Die Sauerstoffversorgung des Kindes kann nur durch eine erhöhte Menge an Blutfarbstoff (Polyglobolie) aufrecht erhalten werden. Babys von Gestationsdiabetikerinnen erblicken häufig mit hohen Blutfarbstoffmengen das Licht der Welt. Hierdurch entsteht eine Gelbsucht (Ikterus), die durch den Abbau des Blutfarbstoffs nach der Geburt auftritt. Die Geburt eines großen Kindes bei Gestationsdiabetes macht häufig eine Kaiserschnitt-Entbindung unumgänglich.

Kohlenhydratketten – je länger je lieber

Kohlenhydrate unterscheiden sich durch die Länge ihrer Glukose-Ketten. Von diesen ist abhängig, wie der Blutzuckerspiegel reagiert, und wie viel Insulin von den Betazellen der Bauchspeicheldrüse in die Blutbahn abgegeben werden muss. Komplexe Kohlenhydrate in Vollkornprodukten, Obst und Gemüse verfügen über lange Glukose-Ketten. Diese können von den im Dünndarm angesiedelten Enzymen nur am Rand, dort, wo die Verbindungen locker sind, abgespalten werden. Der Abbau von Glukose findet langsam statt. Der Blutzuckerspiegel steigt moderat an, und die Bauchspeicheldrüse wird bei der Insulinproduktion nicht überfordert. Die Nahrungsmittelindustrie stellt Glukose-Konzentrate her, indem sie die langen Glukose-Ketten in winzige Bruchstücke zerhackt, wie etwa bei Weißmehl und Haushaltszucker. Es ist ein offenes Geheimnis, dass durch Insulin-Schübe der Blutzuckerspiegel schnell steigt und erneut abfällt. Es entsteht unverzüglich Nachholbedarf, und der überhöhten Energieaufnahme sind Tür und Tor geöffnet.

Diagnose des Gestationsdiabetes

Die Mutterschaftsrichtlinien sehen Urinkontrollen auf Zucker vor. Allerdings ist zur Diagnosestellung die Untersuchung der Zuckerausscheidung im Urin (Glukosurie) äußerst unzuverlässig. Nur die Hälfte der Gestationsdiabetikerinen hat eine Glukosurie und etwa die gleiche Anzahl der Schwangeren mit einer Glukosurie leidet an einem Gestationsdiabetes. Der Berufs-verband der Frauenärzte fordert deshalb dringend, dass bei allen Schwangeren ein oraler Glukosebelastungstest durchgeführt wird. Da die gesetzlichen Krankenkassen diese Leistung bisher nicht erstatten, wird er nur bei bestimmten Risikofaktoren von den Gynäkologen durchgeführt. Dazu zählen Übergewicht und erhöhte mütterliche Gewichtszunahme, der Verdacht auf erhöhtes kindliches Gewicht (Ultraschall), Bluthochdruck, Glukosurie und Gestationsdiabetes in einer vorherigen Schwangerschaft. Bei Verdacht auf Gestationsdiabetes trinkt die Schwangere eine zuckerhaltige Lösung und während des etwa zweistündigen Tests (oraler Glukosetoleranztest=oGTT, Zuckerbelastungstest) wird dreimal Blut abgenommen. Vor dem Test sollte die Schwangere sich möglichst kohlenhydratreich ernähren, um die Bauchspeicheldrüse zu reizen. Sie muss nüchtern in der Praxis erscheinen. Zunächst erfolgt eine Blutentnahme und danach erhält sie 75 Gramm Glukose als Trinklösung. Nach ein und zwei Stunden erfolgen weitere Blutentnahmen. Sie ergeben folgende Grenzwerte:

Ø nüchtern 90 mg/dl (5,0 mmol/l)
Ø eine Stunde 180mg/dl (mmol/l)
Ø zwei Stunden 155mg/dl(8,6mmol/l)

Ist nur ein Wert überschritten, handelt es sich um eine eingeschränkte Glukosetoleranz. Sind zwei oder drei Werte überhöht, liegt ein Gestationsdiabetes vor. Während der oGTT nur bei Risikofaktoren erfolgt, gibt es auch einen vereinfachten Screening-Test für alle Schwangeren. Er dauert nur eine Stunde und die Schwangere muss nicht nüchtern erscheinen. Sie erhält 50 Gramm Glukoselösung und bereits nach einer Stunde wird der Blutzucker bestimmt. Liegt das Ergebnis bei 140mg/dl oder höher, sollte ein oGTT durchgeführt werden.

Der richtige Zeitpunkt für den Test

Etwa ab dem letzten Schwangerschaftsdrittel steigt der Insulinbedarf deutlich an. Dies erklärt auch, warum der Gestationsdi-abetes häufig erst nach der 24. Schwangerschaftswoche entdeckt wird. Zwischen der 24. und 28. Schwangerschaftswoche wird jeder Schwangeren ein Zuckerbelastungstest empfohlen. Liegen Risikofaktoren vor, ist dieser Test zwingend notwendig und sollte bereits im ersten Schwangerschaftsdrittel erfolgen. Sind die Untersuchungsergebnisse grenzwertig, empfiehlt es sich, den Zuckerbelastungstest nach drei bis vier Wochen zu wiederholen. Schwangere mit einem Gestationsdiabetes leiden öfter an Infektionen, z.B. der Harnwege, entwickeln häufiger einen schwangerschaftsbedingten Bluthochdruck, der eventuell in einer Präeklampsie endet und haben später ein erhöhtes Risiko für den Typ-2-Diabetes.

Wann ist Insulin notwendig?

Wenn eine Ernährungsumstellung und die Ermunterung zu angemessener sportlicher Betätigung nicht ausreichen, um die Blutzuckerwerte in den Griff zu bekommen, ist bei etwa 15 Prozent der Gestationsdiabetikerinnen eine Insulinbehandlung notwendig. Meistens reichen geringe Mengen eines schnell wirkenden Insulins vor den Hauptmahlzeiten aus. Diabetesmedikamente in Tablettenform dürfen in der Schwangerschaft nicht eingenommen werden, weil sie zu schweren Entwicklungsstörungen des Kindes führen können.

Anlässlich des Welt-Diabetes-Tages am 14. November bekräftigt der Berufsverband der Frauenärzte seine Forderung nach einem generellen Screening aller Schwangeren und ruft die gesetzlichen Krankenkassen auf, den Zuckerbelastungstest zur rechtzeitigen und verlässlichen Diagnose in ihre Leistungskataloge aufzunehmen.


Maria-E. Lange-Ernst

 

 

 

 

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