|
20.11.2006
- Pressedienst - Berufsverband der Frauenärzte e.V.
Schwangerschaft
- Auslöser für Gestationsdiabetes
Vor 20 Jahren wogen reife Neugeborene durchschnittlich 3500
Gramm und waren 50 Zentimeter groß. Heute ist ein Geburtsgewicht
von 4000 Gramm bei 52 Zentimetern durchaus keine Seltenheit.
Experten bezeichnen neben später Mutterschaft Stoffwechselstörungen,
Übergewicht und falsche Ernährung als Ursachen,
deren Folgen sich auf das Baby übertragen. Übergewicht
steigert das Risiko, einen Schwangerschafts-Diabetes zu entwickeln.
Das Ungeborene nimmt vermehrt Glukose auf und reagiert mit
Insulin-Schüben. Da Insulin nicht nur blutzuckersenkend
wirkt, sondern auch der wichtigste Wachstumsfakttor ist, wird
das Baby größer und schwerer.
Was
ist Gestationsdiabetes?
Ein schwangerschaftsbedingter
Gestationsdiabetes tut nicht weh. Er beruht auf der Entgleisung
des Kohlenhydratstoffwechsels, der erstmalig während
der Schwangerschaft auftritt bzw. erkannt wird. Fünf
bis zehn Prozent der Schwangeren sind von dieser speziellen
Form des Diabetes mellitus betroffen. Die Stoffwechselstörung
wird einerseits durch Fehl- und Überernährung, andererseits
durch Schwangerschaftshormone begünstigt (z.B. Östrogen,
humanes Plazentalaktogen). Die Insulinausschüttung ist
zu Beginn der Schwangerschaft eher vermindert, steigt dann
aber erheblich an. Wie beim Typ-2-Diabetes sind die Basalzellen
der Bauchspeicheldrüse verändert, so dass die Insulinproduktion
häufig nicht ausreicht. Die Folgen sind erhöhte
Blutzuckerwerte vor und nach dem Essen. Die Schwangerschaftshormone
sind nicht beeinflussbar, wohl aber die Ernährung. In
85% aller Fälle genügt zur Therapie die Umstellung
auf eine vollwertige, bedarfsgerechte Ernährung, bei
15% der diabeteskranken Schwangeren muss Insulin gespritzt
werden, um die Stoffwechselstörung auszugleichen. Gestationsdiabetes
ist bei rechtzeitiger Diagnose behandelbar, und die Risiken
für Mutter und Kind lassen sich fast wie bei einer gesunden
Schwangeren mindern.
Folgen
für Mutter und Kind
Der Diabetes-Typ-1
und -Typ-2 führt nach mehreren Jahren zu Schädigungen
der Augen, Blutgefäße, Nieren und Nerven. Die Auswirkungen
des zeitlich begrenzten Gestationsdiabetes betreffen das Kind
und die Geburt. Da alle Nährstoffe, auch die Kohlenhydrate,
über den Mutterkuchen und die Nabelschnur zum Ungeborenen
gelangen, reagiert es auf überhöhte Blutzuckerwerte
mit einer Aktivierung der Insulinprouktion und baut den Zucker
als Fett in den kleinen Körper ein. Hierdurch kommt es
zu einer fötalen Makrosomie, das bedeutet Gewichtssteigerung.
Das Kind produziert mehr Urin, die Fruchtwassermenge nimmt
zu und dies gilt als Risiko für eine Frühgeburt.
Außerdem ist die Durchblutung des Mutterkuchens gestört.
Die Sauerstoffversorgung des Kindes kann nur durch eine erhöhte
Menge an Blutfarbstoff (Polyglobolie) aufrecht erhalten werden.
Babys von Gestationsdiabetikerinnen erblicken häufig
mit hohen Blutfarbstoffmengen das Licht der Welt. Hierdurch
entsteht eine Gelbsucht (Ikterus), die durch den Abbau des
Blutfarbstoffs nach der Geburt auftritt. Die Geburt eines
großen Kindes bei Gestationsdiabetes macht häufig
eine Kaiserschnitt-Entbindung unumgänglich.
Kohlenhydratketten
je länger je lieber
Kohlenhydrate
unterscheiden sich durch die Länge ihrer Glukose-Ketten.
Von diesen ist abhängig, wie der Blutzuckerspiegel reagiert,
und wie viel Insulin von den Betazellen der Bauchspeicheldrüse
in die Blutbahn abgegeben werden muss. Komplexe Kohlenhydrate
in Vollkornprodukten, Obst und Gemüse verfügen über
lange Glukose-Ketten. Diese können von den im Dünndarm
angesiedelten Enzymen nur am Rand, dort, wo die Verbindungen
locker sind, abgespalten werden. Der Abbau von Glukose findet
langsam statt. Der Blutzuckerspiegel steigt moderat an, und
die Bauchspeicheldrüse wird bei der Insulinproduktion
nicht überfordert. Die Nahrungsmittelindustrie stellt
Glukose-Konzentrate her, indem sie die langen Glukose-Ketten
in winzige Bruchstücke zerhackt, wie etwa bei Weißmehl
und Haushaltszucker. Es ist ein offenes Geheimnis, dass durch
Insulin-Schübe der Blutzuckerspiegel schnell steigt und
erneut abfällt. Es entsteht unverzüglich Nachholbedarf,
und der überhöhten Energieaufnahme sind Tür
und Tor geöffnet.
Diagnose
des Gestationsdiabetes
Die Mutterschaftsrichtlinien
sehen Urinkontrollen auf Zucker vor. Allerdings ist zur Diagnosestellung
die Untersuchung der Zuckerausscheidung im Urin (Glukosurie)
äußerst unzuverlässig. Nur die Hälfte
der Gestationsdiabetikerinen hat eine Glukosurie und etwa
die gleiche Anzahl der Schwangeren mit einer Glukosurie leidet
an einem Gestationsdiabetes. Der Berufs-verband der Frauenärzte
fordert deshalb dringend, dass bei allen Schwangeren ein oraler
Glukosebelastungstest durchgeführt wird. Da die gesetzlichen
Krankenkassen diese Leistung bisher nicht erstatten, wird
er nur bei bestimmten Risikofaktoren von den Gynäkologen
durchgeführt. Dazu zählen Übergewicht und erhöhte
mütterliche Gewichtszunahme, der Verdacht auf erhöhtes
kindliches Gewicht (Ultraschall), Bluthochdruck, Glukosurie
und Gestationsdiabetes in einer vorherigen Schwangerschaft.
Bei Verdacht auf Gestationsdiabetes trinkt die Schwangere
eine zuckerhaltige Lösung und während des etwa zweistündigen
Tests (oraler Glukosetoleranztest=oGTT, Zuckerbelastungstest)
wird dreimal Blut abgenommen. Vor dem Test sollte die Schwangere
sich möglichst kohlenhydratreich ernähren, um die
Bauchspeicheldrüse zu reizen. Sie muss nüchtern
in der Praxis erscheinen. Zunächst erfolgt eine Blutentnahme
und danach erhält sie 75 Gramm Glukose als Trinklösung.
Nach ein und zwei Stunden erfolgen weitere Blutentnahmen.
Sie ergeben folgende Grenzwerte:
Ø
nüchtern 90 mg/dl (5,0 mmol/l)
Ø eine Stunde 180mg/dl (mmol/l)
Ø zwei Stunden 155mg/dl(8,6mmol/l)
Ist nur
ein Wert überschritten, handelt es sich um eine eingeschränkte
Glukosetoleranz. Sind zwei oder drei Werte überhöht,
liegt ein Gestationsdiabetes vor. Während der oGTT nur
bei Risikofaktoren erfolgt, gibt es auch einen vereinfachten
Screening-Test für alle Schwangeren. Er dauert nur eine
Stunde und die Schwangere muss nicht nüchtern erscheinen.
Sie erhält 50 Gramm Glukoselösung und bereits nach
einer Stunde wird der Blutzucker bestimmt. Liegt das Ergebnis
bei 140mg/dl oder höher, sollte ein oGTT durchgeführt
werden.
Der
richtige Zeitpunkt für den Test
Etwa ab
dem letzten Schwangerschaftsdrittel steigt der Insulinbedarf
deutlich an. Dies erklärt auch, warum der Gestationsdi-abetes
häufig erst nach der 24. Schwangerschaftswoche entdeckt
wird. Zwischen der 24. und 28. Schwangerschaftswoche wird
jeder Schwangeren ein Zuckerbelastungstest empfohlen. Liegen
Risikofaktoren vor, ist dieser Test zwingend notwendig und
sollte bereits im ersten Schwangerschaftsdrittel erfolgen.
Sind die Untersuchungsergebnisse grenzwertig, empfiehlt es
sich, den Zuckerbelastungstest nach drei bis vier Wochen zu
wiederholen. Schwangere mit einem Gestationsdiabetes leiden
öfter an Infektionen, z.B. der Harnwege, entwickeln häufiger
einen schwangerschaftsbedingten Bluthochdruck, der eventuell
in einer Präeklampsie endet und haben später ein
erhöhtes Risiko für den Typ-2-Diabetes.
Wann
ist Insulin notwendig?
Wenn eine
Ernährungsumstellung und die Ermunterung zu angemessener
sportlicher Betätigung nicht ausreichen, um die Blutzuckerwerte
in den Griff zu bekommen, ist bei etwa 15 Prozent der Gestationsdiabetikerinnen
eine Insulinbehandlung notwendig. Meistens reichen geringe
Mengen eines schnell wirkenden Insulins vor den Hauptmahlzeiten
aus. Diabetesmedikamente in Tablettenform dürfen in der
Schwangerschaft nicht eingenommen werden, weil sie zu schweren
Entwicklungsstörungen des Kindes führen können.
Anlässlich
des Welt-Diabetes-Tages am 14. November bekräftigt der
Berufsverband der Frauenärzte seine Forderung nach einem
generellen Screening aller Schwangeren und ruft die gesetzlichen
Krankenkassen auf, den Zuckerbelastungstest zur rechtzeitigen
und verlässlichen Diagnose in ihre Leistungskataloge
aufzunehmen.
Maria-E. Lange-Ernst
|