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Neuauflage: Weibliche Ejakulation – gibt es die wirklich?

 

Von Dr. med. Jochen Kubitschek

 

Man sollte es nicht für möglich halten – aber wenn man den in Internet-Foren oder in Leserbriefen veröffentlichten Erfahrungsberichten vieler Frauen Glauben schenken will, dann haben selbst Frauenärzte gelegentlich noch nichts von der weiblichen Ejakulation gehört. Entsprechende Fragen ihrer Patientinnen werden verblüffend oft mit einem totale Ahnungslosigkeit verratenden Achselzucken beantwortet.  Da weder Masters und Johnson noch Kinsey das Phänomen „weibliche Ejakulation“ in ihren Studien und Publikationen beschrieben, blieb die weibliche Ejakulation lange Zeit unerforscht.

Doch vor wenigen Jahren flammte die Diskussion um die weibliche Ejakulation plötzlich auf. Sexualwissenschaftler entdeckten immer mehr Hinweise auf eine Art „Freudenfluss“, der zwar aus der Harnröhre tröpfelt, aber sich deutlich von Urin unterscheidet und eher dem männlichen Prostatasekret ähnelt. Im Zustand sexueller Erregung entleert sich bei einigen Frauen zwischen einem und drei Teelöffeln einer wässrigen bis milchigen Flüssigkeit, die wahrscheinlich von den neben der Harnröhre gelegenen „paraurethralen“ Drüsen gebildet wird. Auch die Bartholinschen Drüsen, ähnlich den Cowperschen Drüsen des Mannes, könnten ein Glückströpfchen beisteuern.

Sucht man gründlicher nach Informationen zu diesem Phänomen, dann entdeckt man, dass die weibliche Ejakulation eigentlich schon lange bekannt ist.  Der berühmte Entdecker des G-Punkts, Dr. Gräfenberg, hat schon vor 50 Jahren darüber geschrieben, und die Kölner Ärztin Sabine zur Nieden hat Anfang der 90er Jahre eine große Studie dazu veröffentlicht.  Im Mai 1994 erschien ein Artikel in der Cosmopolitan, der auf dieser Studie basierte und in dem man folgendes erfährt:  Bei der weibliche Ejakulation handelt es sich um eine wässrige Flüssigkeit, die aus winzigen Ausgängen kommt, die in oder auch neben der Harnröhre liegen. Es ist aber kein Harn, obwohl viele Frauen es dafür halten und aus diesem Grund leider ihren Orgasmus zurückhalten - aus Scham, dabei zu "urinieren". Die Menge des Ejakulats variiert stark: von ein paar Tropfen bis zu einem richtigen Schwall. Etwa jede dritte Frau hat beim Orgasmus (oder ganz kurz davor) schon mal einen kleinen oder auch größeren Erguss erlebt, jede zehnte regelmäßig.

Wie dieser Orgasmus mit Ejakulation erlebt wird, ist ganz unterschiedlich, manche sagen, er sei intensiver, andere sagen, er habe eine andere Qualität.  Auch der Weg hin zur Ejakulation wird von den Frauen als unterschiedlich beschrieben. Bei manchen ist die Stimulation des G-Punktes erforderlich, bei manchen spielt die Reizung der Klitoris die größere Rolle -  bei manchen muss beides zusammen kommen.
Sabine zur Nieden hat ihre Studie auch als Buch publiziert, dessen Neuauflage man nun wieder im Buchhandel erhalten kann.

Die Autorin gibt in dem Buch Antworten auf viele Fragen:  Weibliche Ejakulation, männliche Klitoris, weibliche Prostata, männliche Frigidität, weibliche Potenz? Gibt es das?.  Dabei weitet sie Begriffe der Physiologie der sexuellen Reaktion, der Anatomie der Sexualorgane sowie historisch gewachsene Zuordnungen, die bisher eindeutig dem weiblichen oder männlichen Geschlecht zugeordnet wurden, auf das jeweils andere Geschlecht aus. Ihre Betrachtung bestätigt: Die tatsächlichen körperlichen Unterschiede sind geringer, als die bisherige Sicht auf die Geschlechter vermuten ließ. Die historisch wie empirisch angelegte Untersuchung zeigt, wie schon die im antiken Griechenland geläufigen Bezeichnungen ›der weibliche Samen‹ oder ›die weibliche Ejakulation‹ zugunsten einer männlich dominierten und auf die Fortpflanzungsfunktion reduzierte Sicht der Sexualität an Bedeutung verloren.

 

Sabine zur Nieden:  
Weibliche Ejakulation
Beiträge zur Sexualforschung
Psychosozial-Verlag
148 Seiten Broschur

ISBN:3-89806-267-3
Preis:19,90 €
Erschienen: Juni 2004

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